Das Gesetz des Nomadentums

ro Ergänzungsschriften, Lehre vom Gemeinwesen, Schulungsschriften, Viertes Reich Kommentiere

Das Gesetz, nach welchem die Moderne aufgestiegen und wieder abgestiegen ist, folgt der Logik des Nomadentums. Diese Logik – die Nomadologie – ist eine Logik der Gegengeschichte, eine Antihistorik. Die letzte, sich stolz als ihr eigenes Projekt proklamierende Moderne war ein Sieg des Nomadentums über das Bauerntum. Die­ser Zusammenhang, im Prinzip seit einem Jahrhundert bekannt, wird seit 1945 tot­geschwiegen, weil ihn als erster Adolf Wahrmund, ein Klassiker der antisemitischen Literatur, in seinem Buch „Das Gesetz des Nomadenthums und die heutige Juden­herrschaft“ von 1887 überzeugend dargelegt hat. Wahrmund liefert darin eine weit­hin plausible Erscheinungslehre des Nomadismus in politischer, wirtschaftlicher und literarischer Hinsicht. Seine Schrift steht über dem Durchschnitt der antisemitischen Literatur, weil der Autor sein Schwergewicht auf den Begriff des Nomadismus statt auf den des Semitismus oder Judaismus legt. Das antisemitische Schrifttum be­trachtet in der Regel die moralische Verwerflichkeit der Juden vom Standpunkt christlicher und anderer seßhafter Völker, gibt aber keine Darstellung der inneren Daseinsräson eines global umherschweifenden orientalischen Nomadenvolkes aus den Gegebenheiten dieser Lebensweise. Nomadismus und Moderne sind verschwistert. Modern ist alles, was beweglicher als früher ist kleiner, handlicher, leichter transportierbar. Die turanischen Viehnomaden haben noch bis zum 13. Jahrhundert ihre Jurten auf Ochsenkarren gesetzt und befördert; danach wurde die leicht zerlegbare Scherengitter-Jurte eingeführt, deren Teile auf Zaumtiere gebunden werden und die den Ochsenkarren bäuerlicher Herkunft überflüssig macht. Dadurch wurde der nomadisierende Stamm moderner, seine Bewegungen also leichter und schneller, die militärische Schlagund Fliehkraft größer. Die Literaturlage zum Problem des Viehnomadismus besagt, daß er eine bloße Sekundärerscheinung ist und keine eigene Entwicklungsstufe. Den Übergang vom Jägerund Sammlerdasein zum seßhaften Ackerbau nennt man neolithische Revolution. Das Verhältnis des Nomadismus zum Ackerbau wäre folglich als „anti-neolithische Konterrevolution“ zu kennzeichnen. Als Jäger und Sammler sind die Menschen vorgeschichtlich, als Ackerbauern geschichtlich und als Nomaden gegengeschichtlich. Die vor kurzem abgeschlagene Moderne dachte von 1789 und 1917 her endgeschichtlich und daher ebenfalls antihistorisch; sie war nicht der erste Nomadensturm, den Europa auszuhalten hatte, und sie wird nicht der letzte gewesen sein. Die symbolische Liquidierung von 2000 Jahren abendländischer Geschichte durch Wiedererrichtung des Judenstaates in Palästina war die größte Gegengeschichte, die die Welt gesehen hat. Bis zuletzt hat der Judenstaat versucht, den wiederaufgenommenen Gang der Geschichte zu stoppen und die Einheit von West- und Mitteldeutschland zu verhindern. Die unmittelbare Aufgabe, vor der Europa jetzt wieder einmal steht, ist die Entsteppung und Entwüstung seiner alten Kulturlandschaften und die Auflösung der Massengesellschaft, d.h. die Rückverwandlung von Bevölkerung in Volk. Logischer Gehalt der jungsteinzeitlichen Revolution ist die Umkehrung eines we­sentlichen Verhältnisses zwischen Mensch und Erde. Wesentliches Verhältnis zwi­schen Mensch und Erde ist das Arbeitsverhältnis. Die Erde als Ganze ist dem Men­schen immer Herstellungsmittel. Im Verhältnis zur menschlichen Arbeit können die Herstellungsmittel entweder Arbeitsgegenstände oder Arbeitsmittel sein. Die Erd­oberfläche ist für den Jäger und Sammler Arbeitsgegenstand, dem er, als Ergebnis seines Tuns, Beute und Fund entreißt. Die Arbeit liegt im Zertrennen eines naturge­gebenen Zusammenhangs, er ist ihr Gegenstand. Dieser Zusammenhang, die Erde als Arbeitsgegenstand, besteht für den Fischer wie für den Bergmann. In der Jung­steinzeit kehrt sich das Verhältnis um, das menschliche Arbeit und Erdoberfläche zueinander haben: Es vollzieht sich die Verwandlung der Erde aus einem Arbeitsge­genstand in ein Arbeitsmittel. Ihre Laufbahn als Arbeitsmittel beginnt die Erde aber nicht in der Gestalt eines gehandhabten Werkzeuges, sondern als bediente Maschi­ne, als ein vorgefundener und zunächst kaum verstandener Wirkzusammenhang. Die neolithische Revolution mündet daher auf zwanglose Weise in die industrielle Revolution, welche es endlich schafft, immer mehr vorhandene Maschinen zu be­greifen und in zuhandenen Maschinen abzubilden. Das Mittel, hat Hegel gesagt, ist würdiger als die endlichen Bedürfnisse, zu deren Befriedigung es dient. Die Erde als Sammel-, Jagdund Fischgrund sowie als montaner Ausbeutungsgegenstand ist schnell wieder vergessen, als Ackerboden hingegen gewinnt sie Wert und Würde. Der Acker ist der Boden der Geschichte und der Technik. In der Technik tritt uns die Geschichtsmächtigkeit des Ackers in frei beweglicher Gestalt entgegen. Technik ist freie, zum Selbstzweck gewordene und daher zum Leben erweckte Mittelhaftigkeit, sie ist die Würde des neuzeitlichen Menschen. Technik ist das Gestelle, das die vorhandene Welt verstellt und eine dem Menschen zuhandene Welt erstellt. Technik ist nicht Natur, sondern nützliches Kunstwerk und damit Naturalform; sie ist naturalisierte Geschichte und humanisierte Natur. Technik und Macht sind eng verwandt. Als humanisierte Natur (Naturalform) ist Technik dinglich verwirklichte oder zeichenhaft dokumentierte Macht des Mittels, d.h. etwas Willenloses, das zu menschlichem Walten einlädt. Die Gewalt überhaupt ist Mittel schlechthin, weil niemand sie als Zweck setzt. Die Gewalt ist Gewalt und nicht Technik, weil sie durch den Zweck absolut vergewaltigt ist. Die Gewalt ist daher völlig unfrei. Ferner ist die Gewalt gänzlich machtlos und zudem willenlos wie die Technik. Diese Unfreiheit und Machtlosigkeit der Gewalt ist eine Folge ihrer absoluten Zweckunterworfenheit, die nicht für die Technik gilt. In der Technik wird das Mittel frei, also Selbstzweck und damit lebendig. Leben als Selbstzweck ist aber schon der Acker, die vorhandene Maschine der neolithischen Revolution, dem die Technik entsprang. Wille, Gewalt und Macht sind so verschwistert wie Technik und Macht. Wille ist setzende Gewalt, Gewalt ist durchsetzender Wille, Macht ist durchgesetzter Wille und damit auch festgesetzte (sistierte) Gewalt. Macht ist nicht Besitz, sondern möglicher Besitz. Wer Macht besitzen will, will Möglichkeiten besitzen. In der Technik haben die Menschen das zum Selbstzweck befreite Mittel schlechthin. Weil die Technik, anders als die Gewalt, nicht bloßes Mittel ist, sondern das lebendige, freie Mittel, ist der technische Wille ein solcher zur reinen, willenlosen Macht, die sich durchsetzt mittels höherer, gewaltloser Gewalt: dem Zwang, der von den Sachen ausgeht. Modernisierung ist Mobilisierung und daher Nomadisierung. Entnomadisierung ist Demobilisierung und neue, nachmoderne Verwurzelung. Wer neu verwurzeln will, muß die Methoden der Entwurzelung durchschaut haben. Adolf Wahrmund glaubte sie in den kapitalistischen Methoden der Mobilisierung allen Eigentums, besonders des Grundeigentums, zu erkennen. Er schlug dagegen ein Heimstättengesetz zum Schutze des Bauernstandes sowie „Sicherstellung eines eisernen Bestandtheiles des immobilen und mobilen Besitzes gegen Pfändung und Exekution“ (S.243) vor. Da es in den heutigen, spätkapitalistischen Ländern mehr Arbeitslose als Bauern gibt (und sogar mehr Studenten), sind alle Überlegungen zur Sicherstellung eines herkömmlichen Standes vom Nomadensturm der Kapitalisierung überrollt. Vom Tiefpunkt der vollendeten Individualisierung aus kann der Neuaufbau einer ständischen Volksgemeinschaft nur radikal atomistisch beginnen und vom Personenstand des Einzelnen ausgehen. Der alte Ständestaat hat der modernen Entwurzelung nicht wehren können; der neue Ständestaat muß jeden Einzelnen in den Stand des unveräußerlichen Grundbesitzes setzen und die alten Geburtsstände in lebensgeschichtlich durchlaufene Aufgabenstände verwandeln. So wie es vom berufsständischen Denken her immer noch selbstverständlich ist, daß ein Geselle über dem Lehrling steht, so muß wieder erkannt werden, daß ein Rekrut vom Aufgabenstand her einen höheren Rang hat als ein Wirtschaftsführer oder Reserveleutnant. Und wie der Kriegerstand über dem Wirtschaftsstand steht, so der geistige Mensch über dem Krieger. Der wirkliche Mensch kommt in die Lage, sich ernähren, verteidigen und ausrichten zu müssen; gelingt ihm das, gewinnt er in jeder dieser Lagen seinen Stand. Reine Wirtschaftsmenschen sind existentielle Krüppel wie bloße Intellektuelle oder Politiker. Weideund Viehwirtschaft ist die organische Ergänzung des seßhaften Ackerbaus. Der Hirt kann nur der Knecht des Bauern sein. Ein reaktionärer Umsturz („anti-neolithische Konterrevolution“) führt zur Freiheit des Knechtes, der aus seiner eigenen Domestikation zusammen mit dem domestizierten Vieh, das er dem Bauern gestohlen hat, in die Verwilderung des Nomadenlebens flieht. Das Herr-Knecht-Verhältnis ist aufgehoben und durch das Hirt-Vieh-Verhältnis ersetzt, wobei Viehhaftigkeit nicht nur Tieren, sondern auch Menschen zukommt, von denen Hirten leben. Der Nomade steht nicht in einem menschlichen Verhältnis zur Natur, sondern in einem tierischen (symbiotischen) Verhältnis zum Vieh. Der Hirt lebt fast arbeitslos von seiner Herde (daher meist flötenspielend dargestellt), er ist angeeignetes Organ der Herde: ihr Großhirn. Die Vermenschung der Herde ist nur um den Preis der Entmenschung der Erde zu haben. Dem Nomaden ist die Erde nicht mehr Mittel menschlicher Arbeit, nicht mehr vorhandene Maschine, die in Ehrfurcht und mit Sorgfalt bedient wird, sondern bloßer Gegenstand der Abweidung durch Freßautomaten, also durch Vieh. Die Erde ist dem Nomaden aber auch nicht Arbeitsgegenstand, sondern bloßer Energieträger, Viehfutter eben. Der zum Nomaden emanzipierte Bauernknecht steht sittlich nicht nur tief unter dem Ackerbauern, sondern auch deutlich unter dem vorgeschichtlichen Menschen, dem Jäger, Sammler, Fischer und Bergmann. Weil der Nomadismus eine gegengeschichtliche Bewegung, ist der scheinbare Aufstieg des Viehnomaden zum militärisch-politischen Völkernomaden, der seßhafte Ackerbauern überfällt und ausraubt oder auf Dauer sich zu ihrem (theokratischen) Hirten aufschwingt, in Wahrheit der 1502weitere sittliche Abstieg des nomadisierenden Menschen. Der Völkernomade ist vom Viehhirten zum Vieh abgesunken. Denn die Völker, von denen er lebt, sind die Steppe, auf der er reitet, und die Früchte der Seßhaften, die er verzehrt, sind das Gras, das er frißt. Die nomadische Unterwerfung bäuerlicher Völker macht den siegreichen Nomaden zum Vieh, das abgrast. Diese Völkernomaden mögen sich Goldene Horde nennen oder auserwähltes Volk, ihre Selbstverviehung ist durch ihr abgrasendes Verhalten in allen Lebensbereichen der heimgesuchten Völker gegeben, die dadurch versteppt und letztlich verwüstet werden, denn „einen Vorzug des Menschen vor dem Vieh gibt es nicht“ (Pred. 3,19). Der Hirtenstab Abrahams und des Bischofs von Rom sind nomadisches Ursymbol und einziges, äußerst primitives Arbeitsmittel des Hirten. Dieser Stecken und Stab des Viehhirten wie des Seelenhirten ist Machtsymbol der Nomadenherrschaft, zugleich ein Indiz für die Staatstheorie des arabischen Geschichtsschreibers Ibn Khaldun (1332­1406), der die Reiche aus nomadischer Eroberung entstehen sah. Die Massenmedien sind die modernen Hirtenstäbe elektronisch gesteuerter Men­schenherden. Nicht nur die Hirtenstäbe entwickelten sich seit dem bauernfeindli­chen Umsturz der anti-neolithischen Konterrevolution, auch die ideologische Recht­fertigung der nomadischen Weltzerstörung hat sich modernisiert. Mußte man einst noch die Uhr im Prager Judenghetto rückwärts laufen lassen, um das gegenge­schichtliche Ziel des Nomadismus, das in der Tat ortlos, also utopisch ist, zu veran­schaulichen, so hat der Professor Einstein mit seiner Relativität von Raum und Zeit dieses Ideologem in eine viel elegantere Formel gebracht, und der Professor Freud hat gar das Unbewußte dem Reich der Nomaden unterworfen, indem er den Vater­mord (= Bauernmord) der rebellischen Brüderhorde (= Hütejungen) als gemein­menschliches Verhalten behauptete. Das „liebe Vieh“ des Bauern, das domestiziert ist, verwildert unter dem Stecken und Stab des Nomaden, der es entdomestiziert und verherdet. Die Entwicklung des Nomadismus ist nicht nur Modernisierung von Hirtenstab und Hirtenideologie, son­dern auch die Herden werden immer beweglicher: erst dummes Vieh, dann kluge unglückliche Völker, schließlich Warenmassen, Geldherden, Kapitalströme, Arbeits­migranten und Informationsfluten. Kapitalismus ist Verherdung des Kapitals, und Sozialismus ist Verherdung der Arbeitskräfte; beide Systeme behagen dem Noma­den. Und in beiden Systemen hat die Figur des Kopfnomaden beste Ausbreitungs­möglichkeiten. Der Kopf des Menschen wird von seinem Körper, auf dem er thront, ernährt. Jedes entwickelte Volk leistet sich für seine allgemeinen Angelegenheiten eine bestimmte Zahl von Köpfen in Gestalt besonders qualifizierter Fach­und Füh­rungskräfte. Die Abweidung dieser leitenden Stellungen durch Intelligenznomaden fremdvölkischer Herkunft wirkt auf das heimgesuchte Volk wie ein Hirntumor. Rati­onalismus und Aufklärung sind das Lebenselement des Intelligenznomaden, die Verviehung des Wissens und die Verherdung der Wissenschaftler im Wissenschafts­betrieb der Moderne, dieser geistigen Wüste, sind das Ergebnis des kopfnomadi­schen Befalls. Häufig wird die Frage gestellt: Woher stammt der moderne Dualismus, der die ob­jektive Natur und die menschlichen Dinge voneinander trennt? Die Antwort lautet, daß dieser Dualismus aus der Moderne stammt, und diese aus dem Triumph des Nomaden. Die Natur der modernen Naturwissenschaft ist weniger als ein bloßer Gegenstand der Erkenntnis, denn das ist sie schon dem vorgeschichtlichen Men­schen. Die wissenschaftlich-modernisierte Natur ist nicht objektiviert, sondern res­sourcisiert. Sie ist Futterreservoir von informationsfressenden Wissenschaftlerher­den geworden, die Schaftlerwissen ausscheiden. Diese moderne Natur ist ent­menscht, weil der Mensch kein menschliches Verhältnis, kein Herr­-Knecht-Verhältnis zu ihr hat, nicht mehr ihr Knecht ist, der sie bedient, sondern der Nomade, der sie razziiert. Die Natur der modernen Naturwissenschaft ist nicht Ge­genstand der Erkenntnis, sondern Rohstoff informationsfressender Automaten. We­der der Hirt noch seine Herde kann jemals Herr der Natur werden; ein menschliches und daher hilfreiches Verhältnis kann die Natur nur zu ihrem Knecht gewinnen, der weiß, daß sie immer eine vorhandene Maschine bleiben wird, die in Demut zu be­dienen ist. Der christliche Glaube hat der Gefährdung des Abendlandes durch das Nomaden­tum zwei Jahrtausende lang Vorschub geleistet. Im Christentum sind die Symbolik der Machtinsignien, die Metaphorik der Sprache und die Faktizitäten der Offenba­rung bis heute nomadisch. Die Bibel war die große Propagandaschrift der nomadi­schen Lebensweise, aber die Evangelien enthalten die Beschreibung eines bedeu­tenden Protestes gegen die Moral des Nomadismus. Dieses Aufbegehren bleibt, wie jeder Protestantismus, zugleich gebunden an den Gegenstand seiner Abscheu. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau bekennt sich sogar ausdrücklich zum Ju­daismus. „Umkehr und neue Einsicht verpflichten die Kirche zu bezeugen, daß die bleibende Erwählung der Juden und Gottes Bund mit ihnen Wurzel des christlichen Glaubens ist.“ (FR, 23.5.91) Die Bibel propagiert den Nomadismus und ist zugleich das unübertroffene Lehrbuch des Antisemitismus für alle seßhaften, bäuerlich ge­prägten Völker. Es beginnt mit dem Sündenfall. Zum Essen vom Baume der Erkenntnis werden die ersten Menschen durch ein Tier verlockt, das auf der Erde kriecht. Danach fangen sie sofort zu produzieren an, naheliegenderweise Kleidung. Vom Nomadengott Jahwe (Herrn Zebaoth) wird die arme Schlange daraufhin „verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde“ (Gen 3,14). Der Acker wird verflucht, soll dem armen Bauern Mühsal bereiten sein Leben lang und trotzdem nur Dornen und Disteln tragen (Gen 3,17). Kain, Evas Erstgeborener, wird Ackermann, Kains jüngerer Bruder (und damit sein Knecht) Abel dagegen Schäfer, also Kains Hirtenjunge. Was von nomadenfreundlichen Theologen als Kains Brudermord gelesen wird, ist vom bäuerlichen Standpunkt aus Abels Rebellion und Hinrichtung. Der Schäfer Abel durchbricht das Vorrecht des Bauern Kain, Gott zu opfern von den Früchten des Feldes, mit dem blutigen Opfer eines seinem Bruder und Vorgesetzten gestohlenen Tieres, wobei die Nomadenbibel nun sogleich auch noch behauptet, daß dieses Diebesgut ein gottgefälligeres Opfer sei als die im Schweiße von Kains Angesicht erzeugten Feldfrüchte. Abels Hinrichtung ist Vorwand zur erneuten Verfluchung des Bauern und seines Ackers durch den Nomadengott Jahwe. Die Vertreibung und Flucht des Bauern wird angekündigt und wahr gemacht (Gen 4,11-16). Gleichwohl wird in Genesis 4,20-21 attestiert, daß Viehnomaden und Flötenspieler Kains Nachkommen sind. Urväter des jüdischen Nomadenvolkes sind Abraham, Isaak, Jakob und Joseph. Von Abraham an haben sie nicht nur Viehnomadismus getrieben, sondern im großen Umfang organisiertes Verbrechen. Der Pate ist Jahwe. Als Abraham in dessen Orga­nisation, den „Bund“, aufgenommen wird, indem er beweist, daß er für den Chef seinen einzigen Sohn Isaak schlachten würde (Gen 22,2-17), ist Abraham schon bewährter (betrügerischer) Zuhälter seiner Frau Sarah und erfolgreicher Erpresser von Königen (Gen 12,10-20; Gen 20). Jahwe verheißt Abraham (alias Abram) nicht nur einfach das gelobte Land zwischen Nil und Euphrat als Viehweide, sondern als Völkersteppe mit zehn namentlich genannten Völkern zur Abweidung (Gen 15, 18-21). Der jüdische Friedhof schließlich, den Abraham im Land Kanaan erwirbt, dient nicht, wie die arglosen Hethiter meinen, der Pietät für seine verstorbene Frau Sarah, sondern als Zielmarkierung der künftigen Eroberung Kanaans (Gen 23). Da­her kommt es, daß rabiate Antisemiten so gern jüdische Friedhöfe zerstören. Bei Isaaks beiden Söhnen Esau und Jakob, den Enkeln des Zuhälters Abraham, wird die Familiengeschichte theologisch wieder interessant, denn der Nomadengott Jahwe kündigt Isaaks Frau Rebekka an: „Zwei Völker sind in deinem Leibe, und zweierlei Volk wird sich scheiden aus deinem Leibe; und ein Volk wird dem anderen überlegen sein, und der Ältere wird dem jüngeren dienen.“ (Gen 25,23) Esau, der Erstgeborene, wird Jäger, Jakob, der Nachgeborene, „blieb bei den Zelten“ (Gen 25,27) und damit Nomade. Jakob (das bedeutet: der Hinterlistige) stiehlt seinem Bruder Esau das Erstgeburtsrecht und den väterlichen Segen (Gen 27,36), der auch besser als zum rauhen Jäger Esau zu dem glatten Nomaden Jakob paßt, dem segensreich verheißen wird: „Völker sollen dir dienen, und Stämme sollen dir zu Füßen fallen. Sei ein Herr über deine Brüder, und deiner Mutter Söhne sollen dir zu Füßen fallen.“ (Gen 27,29) Dies ist das Ausbeutungsgebot des Völkernomaden. Inzwischen war Isaak zu Abimelech, dem König der Philister, gezogen und betrog ihn auf die gleiche Weise wie sein Vater Abraham: er gab seine Frau als seine Schwester aus; Zuhälterei mit anschließender moralischer Erpressung bleibt also Spezialität der Familie, die auf diese Weise reich und mächtig wird, so mächtig, daß die Philister sie schließlich ausweisen und König Abimelech danach noch einen Rückversicherungsvertrag mit dem Nomadenstamm für ratsam hält (Gen 26). Stammhalter Jakob betrügt seinen Schwiegervater, den Aramäer Laban, und wird „über die Maßen reich“ (Gen 30.31). Nach geglückter Flucht empfiehlt sich ein neuer Name. „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel“, sagt der oberste, diesmal inkognito bleibende Chef der Organisation, bevor Israel (alias Jakob) als sein bester Mann von dannen humpelt (Gen 32,29-33), um mit seiner Mischpoche das Blutbad von Sichem (Gen 34) anzurichten. Nicht umsonst sieht bäuerliche Vorstellung den Teufel als hinkendes Mischwesen aus Ziegenbock und Mensch. In den Jahren 1730 bis 1580 v. Chr. halten semitische Stämme aus Syrien und Palästina Ägypten besetzt. Sie nennen sich Hyksos, Beherrscher fremder Länder. In dieser Zeit der Fremdherrschaft wird Josef, Jakobs Lieblingssohn, von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft, wo er zum höchsten Funktionär des Fremdherrschers aufsteigt. Josef wird der erste jüdische Kommunist: er erfindet die Zentralverwaltungswirtschaft und damit die allgemeine reale Staatssklaverei, also die Gesamtenteignung des Volkes von Geld, Vieh, Land und Leib mittels mehrjähriger Hungersnot (Gen 47,13-26). Aus der Befreiung Ägyptens von Fremdherrschaft folgt der Exodus des jüdischen Hilfsvolkes. Im fünften Buch Moses, dem Deuteronomium, offenbart sich die ganze Wahrheit des Nomadismus in ihrer strengsten Konsequenz: dem Völkermordgebot. So wie der Viehnomade seine Böcke und Schafe nicht nur friedlich-flötenspielend hütet, sondern alles hat seine Zeit auch melkt, schert und schlachtet, so darf selbstverständlich auch der Völkerhirt die ihm anheimgegebenen Völker schlachten, also jeden Mann, jede Frau und jedes Kind töten: dies ist der „Bann“ der Nomadenbibel, das Völkermordgebot1 das gelegentlich, wenn Völkerherden den Viehherden bloß Platz machen müssen, damit Acker in Viehweide verwandelt werden kann, zum Vertreibungsgebot2 abgemildert ist. Die religiöse Verehrung des Völkermordes ist die niederste Form des Absoluten, nämlich das absolute Böse in einem realmetaphysischen Sinne. Es existiert in der Geschichte als geschichtszerstörende Kraft. Diese Kraft ist bei Kant „das radikal Böse in der menschlichen Natur“ als Freiheit, die sich vom kategorischen Imperativ emanzipiert hat. Zu Kants Zeiten war das absolute Böse als deuteronomistisches Völkermordgebot der mosaischen Religion, das damals sich in Frankreich im terreur austobte, bekannter als heute, weil man noch die Bibel las; heute ist das Absolute Böse in passiver Form als Holocaust-Kult im Umlauf, der seine Glaubwürdigkeit beim auserwählten Volk aus dem Wissen um die Grundform des aktiven Völkermordgebotes bezieht, das im fünften Buch Moses nur gelegentlich zum Vertreibungsgebot abgemildert ist. Das Böseste, das wir uns vorstellen können, ist Völkermord. Aber das absolute Böse geht darüber noch hinaus: es ist jenes Böse, das böser nicht gedacht werden kann. Und Böseres als das mosaische Völkermordgebot, das bei Mitleid oder sonstiger unvollständiger Ausführung sein auserwähltes Volk selber mit Vertreibung und Völkermord bedroht3, kann von Menschen nicht erdacht werden. Vor diesem geistigen Hintergrund ist alle Judenverfolgung tätige Beihilfe zur mosaischen Religionspropaganda, der sich Adolf Hitler (als Vierteljude verdächtigt) zweifelsfrei schuldig gemacht hat. Die Judenfrage zum Rasseproblem zu erklären, verharmlost das absolut Böse, eine Erscheinung der Freiheit des menschlichen Geistes, zum biotechnisch lösbaren Problem. Viel grundsätzlicher ist in seiner berühmten Abhandlung „Zur Judenfrage“ von 1843 der reinrassige Semit Karl Marx das Problem angegangen, in der er die Verschacherung der Welt durch die bürgerliche Gesellschaft als Selbstverjudung der Christen anprangert. Die Judenfrage ist hier Kritik des verabsolutierten Gesellschaftsprinzips, also der Moderne schlechthin, und ansonsten eine unreife Fassung der Kapitalismus-Frage. Das Absolute Böse ist der Beitrag des Nomadentums zur Geistesgeschichte der Menschheit. Damit ist auch das Urteil über die Sittlichkeit der Moderne als dem System der Beweglichkeit gefällt, denn das Absolute Böse ist nichts anderes als die absolute Beweglichkeit in allen ethischen Fragen.
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aus: Lehre vom Gemeinwesen, 1994, ISBN 3980389618
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  1. Da nahmen wir … alle seine Städte ein und vollstreckten den Bann an allen Städten, an Männern, Frauen und Kindern, und ließen niemand übrigbleiben. Nur das Vieh raubten wir für uns …. “ (5. Mose 2,34) „Wenn dich der HERR, dein Gott, ins Land bringt, in das du kommen wirst, es einzunehmen, und er ausrottet viele Völker vor dir her, die Hetiter, Girgaschiter, Amoriter, Kanaaniter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter, sieben Völker, die größer und stärker sind als du, und wenn sie der HERR, dein Gott, vor dir dahingibt, daß du sie schlägst, so sollst du an ihnen den Bann vollstrecken. Du sollst keinen Bund mit ihnen schließen und keine Gnade gegen sie üben …. “ (7,1-2) „Du wirst alle Völker vertilgen, die der HERR, dein Gott, dir geben wird.“ (7,16) „Er, der HERR, dein Gott, wird diese Leute ausrotten vor dir, einzeln nacheinander.“ (7,22)
  2. „Wenn ihr aber die Bewohner des Landes nicht vor euch her vertreibt, so werden euch die, die ihr übriglaßt, zu Dornen in euren Augen werden und zu Stacheln in euren Seiten und werden euch bedrängen in dem Lande, in dem ihr wohnt.“ (4. Mose 33,55)
  3. „Und nur wenige werden übrigbleiben von euch, die ihr zuvor zahlreich gewesen seid wie die Sterne am Himmel, weil du nicht gehorcht hast der Stimme des HERRN, deines Gottes. Und wie sich der HERR zuvor freute, euch Gutes zu tun und euch zu mehren, so wird er sich nun freuen, euch umzubringen und zu vertilgen, und ihr werdet herausgerissen werden aus dem Lande, in das du jetzt ziehst, es einzunehmen. (5. Mose 28,62-63